Amalgamsanierung

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Im Jahr 2020 gab die amerikanische Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) eine neue Leitlinie zur Verwendung von Dentalamalgam heraus. Darin nennt sie 7 Risikogruppen, die künftig keine Amalgamfüllungen mehr erhalten sollen, worüber auch das Ärzteblatt berichtete. Mit dieser Ausdehnung der Risikogruppen geht die FDA über die Empfehlungen in Deutschland hinaus. „Amalgam setzt mit der Zeit kleine Mengen an Quecksilberdampf frei. Geringe Mengen sind für die meisten Menschen im Allgemeinen nicht schädlich, für anfällige Personen können sie hingegen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko darstellen“, heißt es im FDA-Pressebericht von Dr. Jeffrey Shuren. Kann es also sinnvoll sein eine Amalgamsanierung durchzuführen?

Das seit langer Zeit international umstrittene Amalgam ist eine Quecksilbergemisch, das bekanntlich in der Zahnmedizin als Füllungsmaterial verwendet wird. Es besteht zu 50 % aus elementarem Quecksilber (Hg), ferner aus Silber, Kupfer, Zinn, Zink und kleinen Mengen anderer Metalle.

Bei folgenden Risikogruppen soll laut FDA auf Amalgam verzichtet und zu Komposit- oder Glasionomerzementfüllungen gegriffen werden:

  • Kinder, insbesondere unter 6 Jahren
  • Schwangere 
  • stillende Frauen
  • Frauen mit Kinderwunsch
  • Patienten mit neurologischen Erkrankungen (z. B. Parkinson, Multiple Sklerose, Alzheimer) 
  • Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion 
  • Personen mit Allergien hinsichtlich Quecksilber oder anderen in Amalgam enthaltenen Bestandteilen

Es ist höchst beachtenswert, dass die neue US-Leitlinie kein Amalgam für Patienten mit neurologischen Erkrankungen (Parkinson, MS, Alzheimer) und Frauen mit Kinderwunsch erlaubt.

Die IG Umwelt-Zahnmedizin sieht die aktuelle Empfehlung der FDA als Anlass, sich völlig von Amalgam zu verabschieden: „Zahlreiche Europäische Länder arbeiten bereits daran, alternative Füllungen als Standardmaterial einzuführen. Es ist höchste Zeit auch in Deutschland auf quecksilberfreie Alternativen umzusteigen und besonders anfällige Personen zu schützen“, forderte Geschäftsführer und Projektleiter des European Centers for Environmental Medicine Florian Schulze.

Amalgamsanierung: Alte Füllungen entfernen?

„Wie viel Dampf freigesetzt wird, kann u. a. davon abhängen, wie alt eine Füllung ist, sowie von gewissen Gewohnheiten wie etwa dem Zähneknirschen“, erklärte Dr. Shuren. Durch das Kauen von heißen und sauren Speisen kommt es ebenso zur Freisetzung, ferner wenn zugleich verschiedene Zahnmetalle anwesend sind.

Ein Argument gegen die Entfernung ist, dass beim Legen und Herausnehmen eine maximale Freisetzung entsteht. Aus diesem Grund sollten sich keinesfalls schwangere und stillende Frauen Amalgamfüllungen entnehmen lassen. Wenn man sich für eine Sanierung entscheidet, sollte diese nur von spezialisierten Zahnärzten erfolgen, wobei besondere Vorkehrungen getroffen werden, welche die Belastung bei der Entfernung reduzieren.

  1. Kofferdam: der zu behandelnde Zahn wird in der Mundhöhle isoliert
  2. spezielle Absaugkanüle: eine Kunststoffkappe mit Sauger umschließt den Zahn (Clean-Up-System)
  3. Verwendung von Bohrern mit niedriger Drehzahl
  4. Verwendung einer Sauerstoff-Nasensonde
  5. Mundspülung: eine spezielle Mundspülung kann Quecksilber binden

Begleitende Detox-Therapie

Eine schwermetallentgiftende Therapie ist bei vorhandenen Quecksilberfüllungen und während bzw. nach deren Entfernung empfehlenswert. Die Praxis für Komplementärmedizin stellt spezielle Behandlungskonzepte dafür bereit. Vorgesehen ist die orale Einnahme detoxifizierender Präparate, sowie optional die Durchführung von Infusionen.

Wie schädlich ist Dentalamalgam?

Die Fürsprecher gehen davon aus, dass Quecksilber im Amalgam fest eingebunden sei. Seit einer WHO-Studie von 1991 ist jedoch bestätigt, dass es sich ständig aus Füllungen löst und zwar mehr, als der Mensch durch Nahrung oder Atemluft aufnimmt. Eine Vielzahl von Studien erbrachte, dass eine starke Quecksilberbelastung von menschlichen Geweben oder Muttermilch mit dem Vorhandensein von Amalgamfüllungen in Zusammenhang steht [1-4].

Die Toxikologie beschreibt quantitative Belastungen anhand von Grenzwerten, die in Europa selten geworden sind. Unterschwellige Mengen einer giftigen Substanz seien entsprechend unbedenklich, wobei das Problem von Mehrbelastung und Summation von Toxinwirkungen („Toxin-Cocktail“) unberücksichtigt bleibt. Eine Untersuchung der University of Georgia im Jahr 2016 zeigte die Quecksilberbelastung von Amalgamträgern, berichtete Science Daily: „Als Toxikologen wissen wir, dass Quecksilber giftig ist, aber es hängt von der Dosis ab. Wenn Sie also eine Zahnfüllung haben, ist es vielleicht in Ordnung. Aber wenn Sie mehr als acht haben, ist das Risiko für Nebenwirkungen höher,“ sagte Yu. Personen mit mehr als acht Füllungen hatten ca. 150 % mehr Quecksilber im Blut als Personen ohne. 

Allergische, immunologische, endokrine (das Hormonsystem betreffende) und radikalische Wirkungen, sog. low-dose-effects, können jedoch bei geringer Exposition eintreten und z. B. zu Autoimmunerkrankungen führen. Das bedeutet, dass bereits kleine Mengen von Quecksilber Erkrankungen nach sich ziehen und dass bei chronischen Mehrfachbelastungen Grenzwerte von Einzeltoxinen keine Sicherheit geben können. Ob es zu Erkrankungen kommt oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

8 % aller Träger von Amalgamfüllungen haben bei unabhängig voneinander durchgeführten Befragungen in Schweden (1993) und Norwegen (2006) gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit ihrer Zahnversorgung angegeben. Es handelte sich zwar nicht um eine Quecksilber-Intoxikation, aber trotzdem zeigte die Studie, dass sich durch die Entfernung des Amalgams die Beschwerden verbesserten.

Faktoren der individuellen Belastung

  • Anzahl, Alter und Beschaffenheit von Amalgamfüllungen
    • im Mund löst sich Quecksilber beim Kauen, Zähneknirschen, beim Verzehr von heißen oder sauren Speisen
    • Freisetzung durch Korrosion und elektrochemische Vorgänge bei Anwesenheit von anderen Metallen
  • vorhandene Mehrfachbelastung und sich addierende Zufuhr aus anderen Quellen
  • individuelle Fähigkeit zur Kompensation und Entgiftung

Wirkungen von Quecksilber (Hg)

Die toxisch-pathologischen Wirkungen werden weniger vom elementaren Hg verursacht, sondern mehr von den wesentlich giftigeren anorganischen Verbindungen, die daraus entstehen (z. B. Methylquecksilber). Anorganische Quecksilberverbindungen akkumulieren am stärksten in der Niere (und schädigen die Nierentubuli), der Leber und im zentralen Nervensystem.

  • Methyl-Hg ist fettlöslich
    • ein Zellgift und Karzinogen (Schädigung von Zellmembranen und DNA durch Radikalstress)
    • überwindet die Blut-Hirn-Schranke und wirkt als Neurotoxin (IQ-Minderung)
    • reichert sich im Fetus an und geht in die Muttermilch über
  • Hg-Verbindungen reagieren mit SH-Gruppen von Proteinen
    • es entstehen verfremdete Proteine, welche Autoimmunreaktionen auslösen können
  • Enzymblockaden
    • Spurenelemente werden aus Enzymen u. Proteinen verdrängt (dadurch wird deren Aktivität gehemmt/modifiziert)
  • Schädigung des Immunsystems
    • verringert die Anzahl von Leukozyten, reduziert die Beweglichkeit von Makrophagen
    • führt zur Bildung von Autoantikörpern und allergischen Reaktionen (Typ IV)
  • pro-entzündlich
    • Aktivierung von NF-κB mit nachfolgender Produktion von Entzündungsbotenstoffen (auch im ZNS)
  • Blockierung oder Aktivierung von Hormonrezeptoren (Östrogenrezeptoren)

Mögliche Symptome einer chron. Hg-Belastung

  • Übelkeit, Metallgeschmack
  • Haarausfall
  • Tremor: Finger, Augenlider, Zunge
  • Trigeminusneuralgie
  • Vergesslichkeit, Depression
  • allergische Erkrankungen
  • Anreicherung in der Niere mit Schädigung

Mögliche Erkrankungen durch eine chron. Hg-Belastung

  • ZNS-, Lungen-, Brustkrebs
  • Multiple Sklerose, Hashimoto, Lupus erythematodes, Myasthenia gravis, Polyneuropathie
    • Bildung von Auto-Antikörpern (ANA, AK gegen glom. Basalmembran)
  • Bluthochdruck, Atherosklerose
  • Tremor, Alzheimer, Polyneuropathie
  • Unfruchtbarkeit
  • bei Kindern: nach Dr. Lilian Ko, Hongkong
    • Entwicklungsverzögerung, Sprach-, Gehör-, Sehstörungen, ADHS, Autismus
    • häufig Allergien, Heuschnupfen (60 %), autistische Beschwerden (10 %), Infektanfälligkeit, Lernprobleme
  • Akrodynie
    • Schädigung des Stammhirns durch chron. Quecksilberbelastung bei Kindern
    • Reizbarkeit, Weinerlichkeit, Schuppung der Haut an Händen und Füßen, blau-rötliche Hautverfärbung an Handinnenflächen und Fußsohlen, Hypertonie, Muskelschwäche, -schmerzen, Parästhesien

Die Situation in Deutschland und Europa

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt in einer Stellungnahme von 2007 unter folgenden Umständen auf das Legen von Amalgamfüllungen zu verzichten:

  • Sanierungsmaßnahmen am Milchgebiss
  • bei Frauen während der Schwangerschaft und Stillzeit (Amalgamfüllungen und Fischverzehr führen zu einer Quecksilberexposition der Leibesfrucht)
  • bei Vorhandensein anderer metallischer Restaurationen
  • bei der Diagnose oraler lichenoider Reaktionen
  • bei Patienten mit Niereninsuffizienz
  • bei festgestellter Allergie (Typ IV)

Es gibt bislang keine Einigung auf eine quecksilberfreie Zukunft in der Zahnmedizin in Deutschland. Das Umweltministerium hat angekündigt, dass sie den bestehenden Plan zur weiteren Verringerung der Verwendung von Amalgam jährlich überarbeiten wird.

Die am 1.07.2018 in Kraft getretene EU-Quecksilberverordnung sieht vor, dass Zahnamalgam nicht mehr für die Behandlung von Milchzähnen, von Kindern unter 15 Jahren und von schwangeren oder stillenden Frauen verwendet werden darf. Derzeit wird von der Europäischen Kommission geprüft, ob ein völliger Verzicht bis zum Jahr 2030 zu befürworten ist. Norwegen und Dänemark hatten bereits 2008 (mit kleinen Einschränkungen) ein Amalgamverbot erfolgreich umgesetzt. In Schweden ist das Plombenmaterial seit 2009 nicht mehr im Einsatz.

Maßnahmen zur Reduzierung von Dentalamalgam

Gemäß der europäischen Quecksilberverordnung musste jeder Mitgliedstaat bis zum 1.07.2019 einen Aktionsplan vorlegen, um die Verwendung von Zahnamalgam zu reduzieren.

  • Italien, Kroatien, Slowenien, die Tschechische Republik, Finnland, Irland und die Slowakei haben einen Ausstiegsplan beschlossen
  • Dänemark, Niederlande und Spanien sind zu 99 % quecksilberfrei (in Spanien nur noch bei medizinischer Notwendigkeit)
  • Kroatien und Zypern erweiterten den Schutz für Kinder, indem sie das Mindestalter auf 18 Jahre anhoben
  • Deutschland, Estland, Litauen und Lettland haben nur vorläufige Pläne mit einer Bestandsaufnahme der tatsächlichen Nutzung vorgelegt

Studien

  1. Vimy MJ, Hooper DE, King WW, Lorscheider FL. Mercury from maternal „silver“ tooth fillings in sheep and human breast milk. A source of neonatal exposure. Biol Trace Elem Res. 1997 Feb;56(2):143-52. doi: 10.1007/BF02785388. PMID: 9164660.
  2. Vimy MJ, Takahashi Y, Lorscheider FL. Maternal-fetal distribution of mercury (203Hg) released from dental amalgam fillings. Am J Physiol. 1990 Apr;258(4 Pt 2):R939-45. doi: 10.1152/ajpregu.1990.258.4.R939. PMID: 2331037.
  3. Zander D, Ewers U, Freier I, Westerweller S, Jermann E, Brockhaus A. Untersuchungen zur Quecksilberbelastung der Bevölkerung. II. Quecksilberfreisetzung aus Amalgamfüllungen [Exposure to mercury in the population. II. Mercury release from amalgam fillings]. Zentralbl Hyg Umweltmed. 1990 Oct;190(4):325-34. German. PMID: 2080964.
  4. Al-Saleh I, Al-Sedairi AA. Mercury (Hg) burden in children: the impact of dental amalgam. Sci Total Environ. 2011 Jul 15;409(16):3003-15. doi: 10.1016/j.scitotenv.2011.04.047. Epub 2011 May 20. PMID: 21601239.