Chelat-Therapie bei Atherosklerose

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Die Chelat-Therapie hat seit ihrer Entdeckung im 20. Jahrhundert einen festen Platz in der Medizin in erster Linie zur Entgiftung von Schwermetallbelastungen oder zur Behandlung einer Eisenspeicherkrankheit. Dazu werden gegenwärtig verschiedene Wirkstoffe verwendet, u. a. das EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure). Weniger bekannt ist der Einsatz der Chelat-Therapie bei Gefäßablagerungen (Atherosklerose). Dabei stellt die EDTA-Chelat-Therapie eine wertvolle Möglichkeit dar arterielle Durchblutungsstörungen, wie die Schaufensterkrankheit (Claudicatio intermittens) oder die koronare Herzkrankheit (z. B. Angina pectoris oder Zustand nach Herzinfarkt) zu behandeln.

Bildquelle: hochgradig atherosklerotisch veränderte Arterie mit starker Lumeneinengung auf mikroskopie-forum.de

TACT-Studie: Trial to Assess Chelation Therapy

Diese Doppelblindstudie, durchgeführt von 2003-2012, umfasste 1708 Patienten und wurde von renommierten Fachzeitschriften (JAMA) besprochen. Alle Patienten litten unter koronarer Herzerkrankung mit wenigstens einem Herzinfarkt und galten als stabil. Die Patienten der Chelat-Gruppe erhielt 40 NaEDTA Infusionen (3 g NaMgEDTA in 500 ml Kochsalzlösung über 3 Std. infundiert) und die Placebo-Gruppe erhielt 40 Placebo-Infusionen (500 ml Kochsalzlösung mit 1,2 % Dextrose).

Bei den mit der EDTA-Chelat-Therapie behandelten Patienten konnten die Risiken von Folgeschäden nach dem Infarkt (erneuter Infarkt, Schlaganfall etc.) um 18 % gesenkt werden ohne wesentliche Nebenwirkungen. Im Vergleich zur Placebo-Gruppe traten also weniger Reinfarkte und Schlaganfälle auf, die Notwendigkeit der Revaskularisierungseingriffe sowie der Krankenhausaufenthalte durch Anginabeschwerden (Herzenge) war geringer. Diabetespatienten zeigten die besten Therapieerfolge. Zusammenfassend ergab die Studie bei den behandelten Patienten eine moderate Reduzierung des kardiovaskulären Risikos. Die vollständige TACT-Studie findet sich auf PubMed.

TACT2

Die klinische Erforschung der Chelat-Therapie als Option für die Prävention nach Herzinfarkt findet eine Fortsetzung. Mehrere US-Gesundheitsinstitute treten als Sponsoren für die TACT2-Studie auf und haben zwei universitäre Forschungszentren (Mount Sinai Medical Center of Florida und Duke Clinical Research Institute) mit deren Durchführung beauftragt (2016). Für diese Studie sollen in den USA und Kanada ca. 1200 Patienten mit Diabetes, die zuvor einen Myokardinfarkt erlitten haben, rekrutiert werden.

Geschichte der Chelat-Therapie

EDTA wurde als Komplexbildner in den 1950ern zur Behandlung von Bleivergiftungen bei Arbeitern eingesetzt. Dabei kam es zur Verbesserung atherosklerotisch-bedingter Beschwerden (Schmerzen am Herzen, in den Beinen) der behandelten älteren Patienten. Diese Entdeckung griff der Kardiologe Norman E. Clarke auf und führte klinische Studien zur Anwendung von EDTA bei Herz-Kreislauferkrankungen durch und veröffentlichte sie z. B. im American Journal of Cardiology (1960). Ihm ist der Einsatz der EDTA-Chelattherapie bei Atherosklerose zu verdanken, weswegen er als „Vater der Chelat-Therapie“ bezeichnet wird. Zwischen 1955 und 1963 erlebte die EDTA-Chelat-Therapie ihre Blütezeit zur Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen. Zahlreiche Studien aus dieser Zeit belegen die Wirksamkeit von EDTA und die gefahrlose Anwendung bei korrekter Dosierung unter Berücksichtigung der Kontraindikationen: Die Kardiologen J. Roderick Kitchell und Lawrence E. Meltzer veröffentlichten 1961 eine Arbeit im Progress in Cardiovascular Diseases.

Schließlich setzte sich zur Behandlung von koronaren Herzkrankheiten die Bypasschirurgie durch, nachdem sich einflussreiche Befürworter von der EDTA-Chelattherapie abwandten.

Weitere Informationen zu Geschichte und Indikationen der EDTA-Chelat-Therapie finden sich auf der Internetpräsenz der Ärztegesellschaft für klinische Metalltoxikologie: Chelat-Therapie und Durchblutungsstörungen.

Indikationen

Indikationen sind alle Formen der arteriellen Durchblutungsstörungen auf Grundlage einer atherosklerotischen Gefäßablagerung. Insbesondere Verengungen von Bein- und Herzkranzgefäßen, sowie der Halsschlagadern und der Blutgefäße des Gehirns.

  • Herzenge (Angina pectoris), Z. n. Herzinfarkt, hoher Blutdruck
  • Z. n. Schlaganfall
  • Schaufensterkrankheit (Claudicatio intermittens)
  • diabetische Retinopathie (Schädigung der Netzhaut bei Diabetikern)

Sicherheit und Verträglichkeit

Die Chelat-Therapie mit EDTA ist ein sicheres Behandlungsverfahren. In der TACT-Studie wurden 1708 Teilnehmern 55000 Infusionen gegeben. Schwere Nebenwirkungen sind nicht häufiger aufgetreten, als bei der Einnahme von Scheinmedikamenten. Lediglich Absenkungen des Calciumgehaltes im Blut traten in der EDTA-Gruppe häufiger auf, im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Nur einer der Teilnehmer musste wegen schmerzhafter Muskelkrämpfe behandelt werden.

Zu Beginn der Erforschung der EDTA-Chelat-Therapie kam es durch zu hohe Dosierungen und zu rasche Infusionsgeschwindigkeit zu Todesfällen. Diese Erfahrungen haben bezüglich Dosierung und Infusionsdauer zu einem sicheren Anwendungsprotokoll geführt, dass vom IBCMT (International Board of Clinical Metal Toxicology) empfohlen wird.

Durchführung in der Praxis für Komplementärmedizin

Zuerst erfolgt über Gespräch und Laboruntersuchung ein Ausschluss der Kontraindikationen (Herz- und Niereninsuffizienz), sowie der Versorgung mit Mineralien und Spurenelementen. Die Infusionsserie (z. B. 20 Infusionen über ein Jahr) wird nach dem Protokoll des IBCMT über einen Zeitraum von 1-3 Stunden (abhängig von der Dosierung) mit Venenverweilkanüle durchgeführt. Weitere Informationen erhalten Sie in einem persönlichen Beratungsgespräch.