ADS/ADHS und Mikronährstoffe

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ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) bzw. ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität) ist die häufigste psychiatrische Störung im Kindes- und Jugendalter und betrifft in Deutschland ca. 5-8 % aller Kinder und Jugendlichen. Bei bis zu ⅔ der Betroffenen bleiben Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen. Unzweifelhaft sind Mikronährstoffe für die kindliche Entwicklung von enormer Wichtigkeit und immer wieder zeigen sich in verschiedenen Studien/Metaanalysen individuell unterschiedliche Mikronährstoffmängel als ein Causalfaktor der ADHS. Diesen und andere Zusammenhänge beleuchtet dieser Beitrag.

Symptome bei ADS/ADHS

  • Unaufmerksamkeit, Konzentrationsstörungen
  • gesteigerte Impulsivität und Hyperaktivität
    • sehr impulsives und z. T. aggressives Verhalten
    • starke motorische Unruhe, v. a. bei jüngeren Patienten
  • starke Stimmungsschwankungen, überschießende emotionale Reaktionen und Schwierigkeiten bei der Planung eines strukturierten Alltags
  • bei den unaufmerksamen, wenig hyperaktiven „Träumern“ wird das Verhalten meist später als Störung wahrgenommen
  • bei ca. 30 % bestehen Begleiterkrankungen
    • Lese- und Rechtschreibschwäche
    • Tics, Tourette-Syndrom
    • Depression, Angst- und Zwangsstörungen

Ursachen

Neben genetischer Anlage, Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, psychosozialen Faktoren und Fragen des Lebensstils rücken zunehmend Mikronährstoffmängel und deren Auswirkungen auf die Gehirngesundheit von Heranwachsenden in den Fokus, worüber auch ADHS-Deutschland berichtet. Verschiedene Untersuchungen und Studien zeigen Störungen/Mangel folgender Nervenbotenstoffe (Neurotransmitter): Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Deren Synthese kann durch mangelhaft vorhandene Spurenelemente (Eisen, Zink, Kupfer) und Vitamine, die wichtige Cofaktoren beteiligter Enzyme darstellen, ungenügend sein. Außerdem können sich Störungen die Transporter und Rezeptoren betreffend ebenso nachteilig auf die Verfügbarkeit bzw. Wirksamkeit dieser Nervenbotenstoffe auswirken.

AD(H)S-assoziierte Mikronährstoffmängel

  • Eisen: zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Nervenstrukturen bei Kindern
    • als Cofaktor essenziell für die Synthese von Dopamin und Serotonin, Ausbildung von Synapsen und die Myelinscheiden
    • bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS wurden mehrfach niedrige Eisenspeicher (Ferritin) nachgewiesen, z. B. in einer 2018 im Nature publizierten Metaanalyse; die Eisengabe erwies sich in mehreren Studien als effektiv in der Behandlung
  • Zink: wichtiges Spurenelement mit zentraler Bedeutung für alle Entwicklungs- und Regenerationsprozesse, auch das Gehirn betreffend
    • als Cofaktor essenziell für die Synthese von Noradrenalin und Adrenalin
    • Modulator verschiedener Nervenbotenstoffe; reguliert den Dopamintransporter und verbessert die Funktion der Rezeptoren
    • bei ADHS-Kindern wurden wiederholt niedrige Zinkkonzentrationen nachgewiesen; eine Supplementierung verbesserte die Wirksamkeit von Methylphenidat (ADHS-Medikament) berichtete die DAZ im Jahr 2009.
  • Kupfer
    • wichtige Interaktionen mit dem Eisenstoffwechsel
    • als Cofaktor essenziell für die Synthese von Noradrenalin und Adrenalin
  • Jod: essenzielles Spurenelement für die Synthese der Schilddrüsenhormone
    • Schilddrüsenhormone und Eisen sind elementar wichtig für die Entwicklung/Reifung des Gehirns
    • Jodmangel verursacht Schilddrüsenunterfunktion, die der ADS sehr ähnelt
  • Magnesium: essenziell wichtig als Cofaktor vieler Stoffwechselprozesse, auch für Funktionen im Gehirn
    • harmonisiert die Übertragung von Nervenbotenstoffen und hat beruhigende Wirkungen (GABA-Agonist)
    • in einigen Fallstudien wurden bei ADHS-Patienten niedrige Magnesiumkonzentrationen nachgewiesen; Kinder, die Magnesium und Vit. B6 erhielten, zeigten eine Verbesserung der Symptomatik
  • Vitamin D
    • ist an der Bildung neurotropher Faktoren beteiligt und reguliert die Serotoninsynthese
    • Vitamin D-Rezeptoren wurden auch in dopaminergen Nervenzellen nachgewiesen
    • in einer Studie mit 630 ADHS-Kindern in Katar wurde nachgewiesen, dass niedrige Ferritinspiegel und ein Vitamin-D-Mangel mit ADHS assoziiert waren
  • B-Vitamine
    • B1: wichtig für die Energiegewinnung der Nervenzellen (neuronaler Glukosestoffwechsel)
    • B6, 12, Folsäure: von zentraler Bedeutung für die Bildung von Neurotransmittern
  • Omega-3-Fettsäuren
    • mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren (DHA, EPA) sind essentiell für die Hirnentwicklung, Synpasenbildung und die Reizübertragung
    • häufig defizitär, v. a. bei Schwangeren
    • Omega-3-Mangel: Störung der Neurotransmitter, Reduktion von Dopamin, Serotonin und der Rezeptordichte; verminderte Mikrodurchblutung und Verfügbarkeit von Phospholipiden (Phosphatidylserin) im Gehirn
    • in einer britischen Studie aus dem Jahr 2002 zeigte sich durch eine Supplementierung ungesättigter Fettsäuren eine signifikante Verbesserung der ADHS-Symptomatik

Mikronährstoffmangel während der Schwangerschaft

Mikronährstoffe sind unbestritten elementar wichtig für die Entwicklung des kindlichen Organismus! Ihr Bedarf wird oftmals unterschätzt bzw. deren Gehalt in der Ernährung und das Ausmaß der mütterlichen Versorgung überschätzt. Der Mikronährstoffmangel der Mutter wird also an das Kind weiter gegeben. Typische Problem-Mikronährstoffe während der Schwangerschaft sind Vitamin D, Eisen, Zink, Jod, Selen und Omega-3-Fettsäuren. Aber auch bei Kalzium und Magnesium besteht ein deutlicher Mehrbedarf.

Eine angemessene Versorgung mit Jod (Schilddrüsenhormone), Eisen und essentiellen Fettsäuren ist sehr wichtig für die Herausbildung des kindlichen Gehirns im Mutterleib und in der Zeit nach der Geburt. ADHS-Kinder zeigen hier strukturelle Auffälligkeiten: Anhand bildgebender Untersuchungen konnten Funktionsstörungen in Hirnabschnitten (Stammganglien und Frontalhirn), sowie Veränderungen in der Gehirnarchitektur sichtbar gemacht werden. Das Frontalhirn ist bei ADHS-Kindern kleiner und die veränderten Hirnbereiche verbrauchen weniger Sauerstoff und Glukose als bei gesunden Kindern.

Toxinbelastung

Schwermetalle und andere Umweltgifte sind für das kindliche Gehirn schädlich, da dadurch Entwicklungs- und Reifungsprozesse gestört werden können. Erhöhte Bleikonzentrationen gelten als Risikofaktor für die Entwicklung von ADHS und sind mit der Erkrankung assoziiert, dies gilt auch für Quecksilber und Arsen. Bereits eine geringe Bleibelastung führt bei Kindern zu einer Verminderung der Intelligenz, unabhängig von ADHS.

Hypoglykämie-Syndrom

Wenn von ADHS betroffene Kinder mit Heißhungerattacken und Sucht auf Süßes auffällig werden oder wenn eine verspätete bzw. ausgelassene Mahlzeit die Beschwerden verschlechtert, sollte an eine Störung der Blutzuckerregulation mit Unterzuckerung gedacht werden. Für den Nachweis der Hypoglykämie stehen verschiedene Tests zur Verfügung. Folgende Symptome sind typisch für zu niedrige BZ-Spiegel:

  • Aggressivität
  • Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen
  • Unruhe, Verwirrtheit, Entschlusslosigkeit
  • Müdigkeit, permanentes Gähnen
  • Heißhunger, Verlangen nach Süßem
  • Besserung durch Mahlzeit

Nahrungsmittelallergien und -zusatzstoffe

Nahrungsmittelbestandteile können immunologische Reaktionen mit Entzündung hervorrufen. Dazu gehören die Typ-I und -IV-Allergie, Kreuzreaktionen mit Inhalationsallergenen, die Zöliakie/Weizensensitivität und Pseudoallergien durch verminderte Pankreasenzyme, sowie Reaktionen auf Nahrungsmittelzusatzstoffe (E 102 Tartrazin, E 104 Chinolingelb, E110 Gelborange, E122 Azorubin, E124 Cochenillrot, E129 Allurarot), die auf jeden Fall zu meiden sind.

Besonders problematisch sind die Hauptallergene Gluten und Milcheiweiß. Gliadomorphine und Casomorphine wirken an den opioiden Rezeptoren im ZNS, führen zu zerebralen Reaktionen und psychischen Störungen. Mögliche durch Lebensmittel bedingte Erkrankungen sind: ADS/ADHS, Depression, Autismus, Schizophrenie, chronische Müdigkeit und Fibromyalgie.

Diagnose

Für Kinder besteht die Möglichkeit über die Kapillarblutdiagnostik den Mikronährstoffstatus zu erheben. Dazu wird das Blut der Fingerbeere entnommen.

  • Mikronährstoffprofil
    • Vitamin D
    • Ferritin, Zink, Kupfer und Magnesium im Vollblut
    • Homocystein
  • Omega-3-Status: Ω6:Ω3-Ratio
  • BZ-Tests
  • Darmstatus, Histamin im Stuhl
  • Nahrungsmittelallergene und Zöliakiediagnostik
  • Schwermetallbelastung

Therapie nach Ursache

Eine vorausgehende Labordiagnostik ermöglicht eine zielführende Therapie. Beides kann von der Praxis für Komplementärmedizin erbracht werden:

  • Substitution der unterversorgten/mangelhaften Mikronährstoffe
  • entgiftende Maßnahmen
  • Anpassung des Ernährungsverhaltens